Grünzeug à la carte

Erschienen in der Fachzeitschrift 'Garten + Landschaft' im Mai 2000 (www.garten-landschaft.de)


Grünfestsetzungen im Bebauungsplan scheitern oft am Unwissen oder den Vorstellungen der Grundstückseigentümer. Mit sanftem Druck, Bauherrenpartys und Obstproben bringt die Stadt Flensburg die künftigen Hausbesitzer auf den richtigen Geschmack.

Landschaftsarchitekten haben es schwer genug, ihre Vorschläge und Ideen für Privatgrundstücke vom Grünordnungsplan in die Bebauungspläne hinüberzuretten. Und was dort ankommt, wird meist nicht realisiert. Entweder wissen die Bauherren nichts von den Festsetzungen oder sie ignorieren diese bewusst. Der Wunsch vieler Gemeinden nach grünen Neubaugebieten bleibt so oft unerfüllt. Statt Laubbäumen säumen Fichten die Strasse und dort, wo ein Knick ein wertvolles Biotop bilden sollte, finden sich Komposthaufen und Ziersträucher. Die häufige Konsequenz: Man legt in den Bebauungsplänen Bepflanzungen nur noch auf öffentlichen Flächen fest. Dafür müssen dann ausreichend Flächen zur Verfügung gestellt und die langfrstige Pflege gesichert werden.

 

 

Grundstückskauf mit Beilage

Oder man geht - wie die Stadt Flensburg - einen ganz anderen Weg: Sie verkauft dem Interessenten nicht nur ein Grundstück, sondern die vom Bebauungsplan vorgeschriebenen Pflanzen gleich mit. Für Landschaftsarchitekten ergibt sich daraus ein neues Betätigungsfeld, das sich von der normalen Ausschreibung öffentlicher Bepflanzungen deutlich unterscheidet. In Flensburg begann man 1999 damit, dass die Kosten für die Pflanzungen auf den Privatgrundstücken geschätzt wurden. Da die Vorgaben der Bebauungs- und Grünordnungspläne meist nur sehr allgemein formuliert werden, musste hier schon Planungsarbeit geleistet werden: Welche Strassenbäume kommen auf dem Boden in Frage? Welche Pflanzgrössen eignen sich? Die so ermittelten Kosten für die Anlage und zweijährige Pflege wurden dann, genau wie die Erschliessungskosten, in den Grundstückspreis einkalkuliert. In den Verträgen wurde festgehalten, dass die neuen Eigentümer die Grünfestsetzungen des Bebauungsplanes nicht selber erfüllen müssen. Die Planung und Ausschreibung aller Arbeiten übertrug die Stadt einer freischaffenden Landschaftsarchitektin. Die Ziele dabei waren, die Begrünung der Baugebiete sicherzustellen und bei den Grundstückseigentümern eine möglichst hohe Akzeptanz für die Bepflanzungen zu erreichen. Gleichzeitig sollte dadurch auch ein Marketingeffekt für Flensburg erzeilt werden. Die Prämisse für die Grünplanung war deshalb, den Grundstücksbesitzern Mitsprache darüber einzuräumen, was im eigenen Garten gepflanzt wird. Je zufriedener die Besitzer mit der Bepflanzung sind, so der Ansatz, desto eher würden sie diese pflegen und erhalten. Zugleich mussten aber die Vorgaben der Bebauungspläne erfüllt und der Aufwand für die Ausschreibung in Grenzen gehalten werden.

Es gab in der Verwaltung durchaus auch kritische Stimmen, die dem Verfahren wenig Erfolgschancen einräumten. Der Servicebereich Liegenschaften hielt aber an seinem Vorgehen fest und testete es zunächst in zwei Baugebieten.
Die Arbeit der Landschaftsarchitektin bestand zum einen in der fachlichen Planung der Bepflanzungen, zum anderen musste sie die Hausbesitzer informieren, und deren Wünsche aufnehmen.
Für das eine Baugebiet wählte sie zunächst geeignete Obstsorten aus, da Obstbäume laut Bebauungsplan möglich waren. Diese Liste sollte den Hausbesitzern die Auswahl erleichtern. Auch für die Laubhecken gab es eine Wahlliste, für die Strauchpflanzung ein Pflanzschema. Zum Einsatz kamen vorrangig Blütensträucher, in Kombination mit wintergrünen Sträuchern wie Liguster sowie mit einer Unterpflanzung aus Frühjahrsblühern wie Primeln oder Schneeglöckchen. Eine lockere Anordnung liess ausserdem noch Raum für eigene Anpflanzungen.
Auf zwei Bauherrentreffs informierte die Landschaftsarchitektin die Hausbesitzer der beiden Baugebiete über die Pflanzmöglichkeiten. Da die Abteilung Liegenschaften der Stadtverwaltung ebenfalls eine Veranstaltung geplant hatte, wurden beide Aktionen zusammengelegt. Zelt und Bewirtung stellte die Stadt; so konnten sich die zukünftigen Nachbarn in zwangloser Atmosphäre kennen lernen. Vertreter des Tiefbauamtes und der Liegenschaften standen den Bürgern Rede und Antwort. Die Grünbelange wurden draussen erörtert. Um das Ganze möglichst anschaulich zu gestalten, waren vor dem Zelt Bäume, Sträucher und Kletterpflanzen in Töpfen aufgestellt - eine temporäre Begrünung mitten im Matsch der Baustelle, sehr hilfreich gerade für unerfahrene Gartenbesitzer, etwa bei der auswahl einer Heckenart. Die Entscheidung für eine Obstsorte war dadurch erleichtert, dass es Äpfel und Birnen zum Probieren gab, die eine Obstbaumschule zur Verfügung gestellt hatte. So liess sich doch der eine oder andere überzeugen, eine eher unbekannte Sorte wie den Apfel `Purpurroten Cousinot´ zu wählen.

 

Zeit für ein Gespräch

Für jedes Grundstück waren Wahlzettel vorbereitet. Der Rücklauf war sehr gut, die meisten gaben ihre Wahlzettel gleich vor Ort wieder ab. Dies ist sicher auch auf das persönliche Gespräch zurückzuführen, bei dem die Hausbesitzer ihre Wünsche und Befürchtungen äussern konnten - und dann neuen Argumenten und Vorschlägen gegenüber offen waren. So liess sich der Wunsch eines Bauherren nach einer Thujahecke zwar nicht mit dem Bebauungsplan vereinbaren, wintergrüner Liguster erschien ihm als Alterantive jedoch akzeptabel. Eine andere Familie hatte sich vorab eine Obstsorte ausgesucht, die nicht auf der Liste stand. Kein Problem: die Liste wurde kurzerhand erweitert. Auch über den Standort des Baumes konnten die Hausbesitzer selber entscheiden.
Solche Gespräche brauchen Zeit. So war es gut, dass zwei Ansprechpartner zur Verfügung standen, obwohl es sich um relativ kleine Baugebiete handelte. Zuletzt waren die meisten Hausbesitzer mit der Bepflanzung, die sie erhalten sollten zufrieden. Ein gutes Argument war sicher auch, dass ihnen hierdurch weder Arbeit noch Kosten entstehen würden. Von 39 Eigentümern hat sich keiner von der Gemeinschaftspflanzung abgesetzt, obwohl dies möglich gewesen wäre. Für die Planer bedeutete das Verfahren jedoch deutlich mehr Aufwand, unter anderem, weil in mehreren Etappen gepflanzt wird, da nicht alle Häuser gleichzeitig fertig gestellt werden. Bisher waren die Reaktionen jedoch so vielversprechend, dass die Stadt Flensburg das gleiche Verfahren auch in drei anderen Neubaugebieten mit insgesamt knapp 150 Grundstücken anwenden wird. Hier wurden die Käufer bereits bei der Vergabe der Baugrundstücke informiert. Das Verfahren erlaubt Landschaftsarchitekten mit etwas mehr Engagement und Fantasie, zwei Fliegen mit einer Klappe zu schlagen: Sie erschliessen sich ein neues Arbeitsfeld und fördern die Realisierung ihrer Planungen.